Person am Boden wird getreten

 

Herzlich Willkommen zu meinem Mobbing-Blog

 

Hier schreibe ich zum Thema Mobbing. Ich schreibe zu Tipps, zu fachlichenen Hintergründen als auch zu persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, sowohl in der Arbeit mit Menschen als auch gelegentlich meine ganz eigenen persönlichen Erlebnisse dazu. Ich lade Sie dazu ein neugierig zu sein als auch gerne einmal kritisch zu kommentieren und mitzudiskutieren.

 

Warum glaubt man mir nicht – Mobbing-Betroffene in der FallePerson mit Fragezeichen

 

Warum erfahren Mobbing-Betroffenen so wenig Solidarität und Unterstützung? Weil viele Ihren Berichten keinen Glauben schenken. Selbst wenn ich bei Vorträgen und in persönlichen Gesprächen von den Erlebnissen Betroffener oder sogar von meinen eigenen persönlichen Erfahrungen aus meiner Schulzeit erzähle, sehen mich Menschen fassungslos an. Die häufigsten Reaktionen sind:

  • „Gibt’s das wirklich?“
  • „Das gab’s bei uns nicht.“
  • „Das kann doch gar nicht so extrem gewesen sein.“

Im „Mobbing-Report“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, heißt es Freund/innen und Bekannte konnten in 40 Prozent der Fälle helfen, in denen die Betroffenen diese um Hilfe baten. Der Rest jedoch nicht – das sind fast 60 Prozent. Bei Partner/in oder Familie sind es knapp 55 Prozent die helfen konnten, aber 45 Prozent eben nicht. Zu unvorstellbar und zu konstruiert, zu eingebildet erscheinen die berichteten Erlebnisse.

Die perfiden Schikanen, welche Betroffene erleiden sind für Außenstehende nur schwer zu verstehen. Dies betrifft sowohl die Welt der Schule als auch das Arbeitsleben. Eltern sind sich auch nicht immer sicher, ob ihre Kinder übertreiben oder gar lügen, über das was sie in der Schule erleben. Ähnlich geht es vielen Angehörigen und Freunden von Mobbing-Betroffenen im Beruf:

  • „Das bildest du dir ein.“
  • „Übertreib doch nicht.“
  • „Wirst halt auch dazu beigetragen haben."

Viele Lehrer sehen – oder noch schlimmer – wollen teilweile gar nicht sehen, was in den Klassen zwischen den Schülern geschieht. Einfache Beispiele hierfür sind:

  • Einem Schüler wird regelmäßig die Luft aus den Fahrradreifen gelassen.
  • Das Federmäppchen oder der Ordner mit den Mitschriften aus dem Unterricht wird aus der Schultasche entwendet und in der Klasse herumgeworfen und finden sich in Einzelteilen im ganzen Klassenraum wieder.
  • Beleidigende oder herabwürdigende Kommentare in den sozialen Netzwerken. Hier spricht man von Cyber-Mobbing.
  • Oder es werden Videoaufnahmen von peinlichen Situationen über die Smartphones herumgeschickt. Stichwort Happy Slapping (engl. lustiges Schlagen) und das ist ehrlich gesagt nicht lustig
  • Erniedrigende Sprüche und Witze im Unterricht oder in den Pausen , die auf Dauer die Betroffenen an sich selbst zweifeln lassen

Reaktionen von Lehrern die wegsehen oder gar zynisch reagieren: „Lasst mich mit euren Kindereien in Ruhe.“ oder „Klärt das untereinander.“ Eine ähnliche Haltung ist auch bei Führungskräften in Unternehmen verbreitet, in deren Verantwortungsbereich Mobbing auftritt. Im Berufsleben könnten es folgende Punkte sein

  • Ausschluss aus informellen Runden (z. B. Kaffeerunden)
  • verschwundene Tabellen, Dokumente und Ausdrucke
  • heimliches Anschwärzen beim Chef
  • Verweigerung von notwendigen Informationen von Kollegen

 

Wenn ich von konkreten Fällen berichte, z. B. einer Pflegeeinrichtung, in welcher Pflegekräfte mit einem Alter von über 50 Jahre und langjähriger Betriebszugehörigkeit aus Kostengründen von der Geschäftsleitung durch Mobbing und Schikane aus dem Betrieb getrieben werden, glaubt man das erst einmal nicht. Erst wenn man die konkreten Folgen beschreibt, z. B. dass deswegen eine Person Mitte 50 wegen Burnouts Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen muss, reagieren die Zuhörer bestürzt.

Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit, Selbstmordversuche – oft erst ein „amtliches“ Schicksal macht den Nicht-Betroffenen klar, wie schlimm Mobbing ist, und dass die Betroffenen sich nicht nur etwas ausdenken.

Ich kenne es selbst aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn einem nicht geglaubt wird. Umso leichter fällt es mir heute, Betroffenen zu glauben, die zu mir in die Beratung kommen.

Mobbing-Betroffene sind froh, wenn sie jemanden finden, der ihnen aufrichtig zuhört und ihnen glaubt. Daher meine persönliche Bitte an Sie:

Hören auch Sie Mobbing-Betroffenen zu und glauben sie ihnen. Damit helfen diesen schon sehr. Und seien Sie sich bewusst – es ist oft schlimmer als Sie sich es selbst vorstellen können. Das dürfen Sie mir glauben.

 

100+ Mobbing-Handlungen nach Wolmerath und Esser

 

In Anlehnung an die 45 Mobbing-Handlungen von Prof. Leymann haben die Autoren Dr. Axel Esser und Dr. Martin Wolmerath sogenannte „Bausteine“ des Mobbings zusammengestellt und diese in zehn Kategorien unterteilt. Erstmals sind diese in der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“ Ausgabe 07/2000 als „100+ Mobbing-Handlungen“ erschienen. Die nachfolgende (aktualisierte) Aufstellung wurde dem Buch „Mobbing und psychische Gewalt“ der beiden Autoren entnommen.

Grundsätzlich gilt wie auch bei Leymann auch hier: Einzelne Handlungen daraus sind noch nicht hinreichend, um nicht auf Mobbing schließen zu können. Je mehr dieser Bausteine gegen eine einzelne Person vorkommen, desto eher kann man Mobbing annehmen.

 

Wortwahl Mobbing: Betroffene, Opfer, Täter

 

Egal was Sie meiner Homepage zum Thema Mobbing lesen, Sie werden immer wieder die Formulierung „Mobbing-Betroffene“ anstelle von Mobbing-Opfer finden. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird jedoch von Mobbing-Opfern gesprochen. Ich möchte hier keine Verharmlosung von Mobbing vornehmen, sondern bewusst eine kleine, aber bewusste sprachliche Abgrenzung gegenüber den Personen treffen, die Opfer von jeglicher von physischer oder sexueller Gewalt geworden sind: Kriegsopfer, Terroropfer, Opfer von Gewaltverbrechen, Vergewaltigungsopfer, Opfer von schweren Naturkatastrophen oder Verkehrsunfällen.

Meine These dazu lautet: Sprache schafft Realität!

Die Verwendung des Begriffs Mobbing-Opfer lädt viele unbewusst dazu ein, in der Rolle des Opfers zu verharren. Es ist in dem Begriff Mobbing-Betroffene(r) mehr Handlungspotential enthalten als in dem Begriff Mobbing-Opfer. In unserer Gesellschaft verbirgt sich in der häufig verwendeten Redewendung „Opfer tun sich schwer …“ eine unbewusste innere Schwächung, sobald man als Opfer bezeichnet wird. Der Begriff Opfer ist passiv konnotiert. Aktiv wird man jedoch, wenn man die Formulierung „Handeln Sie jetzt, wenn Sie betroffen sind…“

Auch wenn grundsätzlich jede Person Opfer von Mobbing werden kann, so ist es mein Wunsch, dass aus passiven „Opfern“ wieder aktive „Betroffene“ werden, die handeln wollen und können. Dies möchte ich hiermit bewusst und unbewusst sprachlich ausdrücken. Und daher verwende ich den Begriff Mobbing-Betroffene. Nur soweit ich mich im allgemeinen Bereich der Rechtsthemen äußere, verwende ich jedoch den Begriff „Opfer“. Denn durch die vielen einzelnen Schikanen und Mobbing-Taten, werden die Mobbing-Betroffenen im juristischen Sprachkontext als Opfer bezeichnet. (Für Interessierte: in der Ausgabe der Psychologie Heute 09/2018 S. 29 beschäftigt sich der Artikel "Opfer!" ausführlich mit dem Bedeutung und der Geschichte des Begriffs Opfer.)

 

Person am Boden wird getretenGanz bewusst verwende ich jedoch den Gegenbegriff „Täter“. Und damit bezeichne ich grundsätzlich nicht nur den führenden Kopf, sondern auch die aktiven Mittäter als auch die passiven Zuschauer und Beobachter. Was im Mobbing geschieht, folgt für beide Seiten oft einer Kriegslogik: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ und der biblischen Formulierung „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ (Mt. 12, 30).

Letzteres wirkt aus der Sicht der Mobbing-Betroffen besonders unglücklich aus. Wer die Mobbing-Betroffenen nämlich nicht unterstützt arbeitet indirekt gegen sie, weil damit sie keinerlei Unterstützung mehr von ihren Kollegen und Kolleginnen aus der Organisation erfahren.

Deshalb neige ich dazu, auch passive Beobachter, die neutral bleiben wollen und sich auch so verhalten, als Mit-Täter zu bezeichnen. Jeder Nicht-Widerstand gegen den Psychoterror unterstützt die Täter und damit ergeht auch von meiner Seite die Aufforderung, bei Mobbing nicht neutral zu bleiben und wegzuschauen, sondern aktiv zu intervenieren.

Dies gilt für Kollegen und noch viel mehr für Führungskräfte, denn Teil deren Führungsaufgabe ist es auch die Rahmenbedingungen der Arbeit zu gestalten: und damit auch das Arbeitsklima.

 

 

Mobbing – Teil der Unternehmensstrategie?

 

AngstMobbing ist in einigen Organisationen Teil der Unternehmensstrategie, genauer gesagt Teil des Personalmanagements.

Es gilt als kostengünstige Variante Mitarbeiter über Mobbing aus der Organisation zu vertreiben.

Langjährige und/oder ältere Mitarbeiter sind der Regel durchschnittlich höher bezahlt und gelten damit meist als zu teuer. Darüber hinaus sind langjährig beschäftigte Mitarbeiter auch rechtlich schwerer zu kündigen.
Einen Sonderfall stellen ehemalige Staatskonzerne, Behörden und sonstige Organisationen dar, die dem im öffentlichen Dienst angegliedert sind. Die dort noch tätigen Beamten sind in der Regel unkündbar. Ähnlich diesen können die hier Beschäftigten im Angestelltenverhältnis aufgrund Tarifverträgen meist nach einer bestimmten Beschäftigungsdauer entweder faktisch nicht oder nur noch mit sehr hohen Abfindungen entlassen werden. Zynisch gesagt hilft hier nur noch Mobbing um diese Beschäftigungsverhältnisse lösen zu können.

Manchmal fahren Unternehmen auch diese Strategie um missliebige Betriebsräte bei Unternehmensentscheidungen willig zu bekommen oder loszuwerden.

Die finanziellen Vorteile hieraus für den Arbeitgeber sind:

  • die betroffenen Mitarbeiter kündigen von sich aus oder werden früh verrentet, damit keine hohen Abfindungen
  • geringe Kosten für Rechtsstreitigkeiten, da nur wenige bis gar keine Klagen auf Kündigungsschutz und Schadensersatz
  • keine bis nur sehr wenige nur sehr wenige Schadensersatzklagen:
    Mobbing ist rechtlich schwer und aufwändig beweisbar
  • keine klar sichtbare Täterseite
  • Ein Organisationsverschulden kann nur mit großen Aufwand nachgewiesen werden

Für die Betroffenen ist meist die psychische Belastung viel zu hoch, als dass man langwierige (oder langjährige) Schadensersatzprozesse in Kauf nimmt.

Nachfolgend noch zwei Online-Presseberichte über Organisationen, deren Mobbing-Strategie es bis zur einer Presseberichterstattung geschafft:

Über 50-Jährige schikaniert bis zur Kündigung:

https://www.t-online.de/finanzen/jobs/id_47695244/mobbing-ueber-50-jaehrige-schikaniert-bis-zur-kuendigung.html

Mobbing bei der Deutschen Post:

http://www.spiegel.de/karriere/internes-papier-deutsche-post-muss-mobbing-leitfaden-erklaeren-a-818351.html

 

 

 

In den vorgenannten Artikeln wurde entsprechend medial berichtet. Ich selbst kenne persönlich Fälle in Pflegeeinrichtungen, in denen sogenannte ältere und damit (für den Arbeitgeber) teure Mitarbeiter gezielt gemobbt wurden mit dem Ziel der Eigenkündigung. In einem anderen Fall sogar versuchte man sogar einen Betriebsrat aufgrund inzwischen gerichtlich feststellten Falschaussagen aus der Organisation zu treiben.

 

Juristische Definition von „Mobbing“

 Waage

Das Landesarbeitsgericht Thüringen hat in seinem Urteil vom 10. April 2001 (Aktenzeichen: LAG Thüringen 5 Sa 403/00) eine juristische Definition von Mobbing veröffentlicht:

Im arbeitsrechtlichen Verständnis erfasst der Begriff des „Mobbing“ fortgesetzte, aufeinander aufbauende oder ineinander übergreifende, der Anfeindung, Schikane oder Diskriminierung dienende Verhaltensweisen, die nach Art und Ablauf im Regelfall einer übergeordneten, von der Rechtsordnung nicht gedeckten Zielsetzung förderlich sind und jedenfalls in ihrer Gesamtheit das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder andere ebenso geschützte Rechte, wie die Ehre oder die Gesundheit des Betroffenen verletzen. Ein vorgefasster Plan ist nicht erforderlich. Eine Fortsetzung des Verhaltens unter schlichter Ausnutzung der Gelegenheiten ist ausreichend. Zur rechtlich zutreffenden Einordnung kann dem Vorliegen von falltypischen Indiztatsachen (mobbingtypische Motivation des Täters, mobbingtypischer Geschehensablauf, mobbingtypische Veränderung des Gesundheitszustands des Opfers) eine ausschlaggebende Rolle zukommen, wenn eine Konnexität zu den von dem Betroffenen vorgebrachten Mobbinghandlungen besteht. Ein wechselseitiger Eskalationsprozess, der keine klare Täter-Opfer-Beziehung zulässt, steht regelmäßig der Annahme eines Mobbingsachverhaltes entgegen.

 

Quelle: https://www.anderfuhr-buschmann.de/urteile/lag_thueringen_5_sa_403_00.htm